Online-Festival

75% ÜBERGEGRIFFEN

Als hätten wir es vorausgesehen, nur anders:

Das aktuelle Festivalmotto „100% Ergreifen“ hatte sich schon im Frühjahr 2018 als Motiv für die Festivals 19/20 beinahe konsequent aus dem Vorgänger „100% Ausnahmsweise“ entwickelt. Wenig später machten die Aktionen von Fridays for Future und eine umwälzende Europawahl deutlich, das wirklich ein neuer Wind wehte: Selbstermächtigungsbewegungen „von unten“, griffen über; Politik wurde nicht mehr nur denen, die sie berufsmäßig ausüben, überlassen; Rebellion fand nicht mehr nur irgendwo anders, sondern auch hier statt.

ERGREIFEN dachten wir uns aber nicht nur als Handlungsakt. Sondern auch als ein großes Gefühl, das uns als Einzelne wie als Gruppe erfasst: Eben im und von Theater.

Dass im Frühjahr 2020 eine Pandemie die ganze Welt fest im Griff haben würde, damit konnte niemand rechnen. Nun müssen wir alle vorerst damit leben, dass Corona die Welt in permanente Konjunktive verwandelt: Hätte, könnte, müsste, sollte, mindestens, wenigstens, wenn …

Stellen wir uns also vor, was MADE in Marburg, Fulda, Kassel hätte sein können:

  • Wenn in der Gegentrilogie zentrale Dogmen unserer Gesellschaft lustvoll dekonstruiert werden
  • Wenn bei Rot oder Tot 2 DDR-Geschichte zur Neuverhandlung angeboten wird
  • Wenn bei Möchten Sie Ihren Vater wirklich in den Papierkorb verschieben? die Recherche über die verbrecherischen Verstrickungen des Vaters zu ungeahnten Neudeutungen führt
  • Wenn bei Residence Evil unsere kollektive Tathemmung als Fiktion und Horrorkomödie entlarvt wird
  • Wenn PUNK‽ danach fragt, was eigentlich von der rebellischen Pose übrig geblieben ist
  • Wenn das Trieb Werk Faust die permanente Rastlosigkeit unserer (Selbst)-ausbeuterischen Lebensweise aufs Korn nimmt
  • Wenn bei Read to me für Grenzüberschreitungen zwischen den Geschlechtern und den Lauf der Geschichte überhaupt um eine Sprache gerungen wird

Obendrein hätten Sie drei „Freispiele“ lokaler Künstler*innen außerhalb des Wettbewerbs erleben können: Blackbird, Spur und #Dichterliebe. Von den Workshops, Nachgesprächen, Podien und Partys gar nicht erst zu reden …

Nun also wenigstens ein paar virtuelle Ballons:

Immerhin: Die Fulda-Ausgabe wird vom 13.-16. September (mit etwas verändertem Programm) nachgeholt. Und noch gibt es eine kleine Hoffnung für den Standort Darmstadt.

Bis dahin hoffen wir, dass die kleinen Video-, Ton- und Text-Exzerpte, die wir hier jeweils an den ursprünglich geplanten Festivalwochenenden nach und nach – unter verschiedenen Themen gebündelt – veröffentlichen, ein wenig über den Verlust unseres Versammelns und die Zeit hinweg trösten, bis wir uns wieder live und in Farbe, einander zum greifen nah sein können!

Solidarisch kontaktlose Grüße!

Steffen Lars Popp, für die MADE.Festivalleitung

P.S.: Die nächsten Online-Ausgaben folgen ab 14. und 21. Mai.
Und hier gehts zu ersten: Statt Marburg. Mit dem Thema “Hinter jedem Kunstwerk stehen …”